Interview mit dem 10-jährigen Nick

 

„ICH HABE DAS GEFÜHL, DASS VIELE DENKEN, DASS WENN SIE DIE MASKE TRAGEN, DASS SIE DANN EIN VORBILD SIND…“

 

Maurice: Mein Name ist Maurice Janich. Ich bin Pädagoge und Visualisierungstherapeut. Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen und ich habe es mir in der Corona-Zeit zur Aufgabe gemacht, Kindern eine Stimme zu geben und Kinder zum Thema Masketragen in der Schule zu interviewen und heute habe ich den 10-jährigen Nick bei mir und Nick besucht eine Grundschule. Herzlich willkommen lieber Nick!

 

Nick: Ja.

 

Maurice: Nick, wie geht's dir? Bist du nervös oder entspannt?

 

Nick: So ein Mittelding. Ein bisschen nervös, aber nicht total nervös. Also so mittel.

 

Maurice: Nick, wir gehen einfach ganz in Ruhe und entspannt durch die Fragen. Die erste Frage, die ich habe ist, wann musst du denn die Maske in der Schule tragen?

 

Nick: Also, wenn wir im Schulgebäude rumlaufen. Auf dem Schulhof muss ich sie nicht tragen zum Glück. Sonst noch, wenn... also bei manchen Lehrern ist es irgendwie so... das ist irgendwie unterschiedlich, weil es kommt drauf an bei welchem Lehrer wir sind, dass wenn wir nicht am Platz sind, wir sie im Unterricht tragen müssen. Aber eigentlich nur, wenn wir zur Pause gehen, wenn wir den Klassenraum verlassen und halt manchmal, wenn wir vom Platz aufstehen. Ich verstehe das auch noch nicht so komplett.

 

Maurice: Ok, es macht jeder so ein bisschen wie er möchte, ne? Das heißt, am Platz müsst ihr bei keinem Lehrer die Maske tragen?

 

Nick: Ja.

 

Maurice: Ok. Nick, erzähl mir mal welche Gedanken und welche Gefühle entstehen denn in dir, wenn du die Maske trägst?

 

Nick: Also, wenn ich sie jetzt trage, ohne dass jemand dabei ist, mit dem ich mich unterhalte, dann ... also ich möchte sie irgendwie abnehmen und wenn kein Lehrer gerade da ist, dann mache ich das auch manchmal, dass ich sie auch nur unter die Nase nehme oder sowas. Und irgendwie ist das halt einfach so ein ... es ist kein tolles Gefühl, etwas vor dem Gesicht zu haben, weil es ist irgendwie einfach so... man weiß nicht so... erst recht, wenn man dann noch andere sieht, die das haben, dann denke ich mir immer wie verrückt das ist, etwas von seinem eigenen Gesicht zu verdecken.

 

Maurice: Ja. Kannst du das noch mit einem Wort beschreiben wie du dich fühlst, wenn du die Maske trägst?

 

Nick: Also mit einem Wort geht's nicht. Mit drei. 

 

Maurice: Ok, dann versuch's mal mit drei.

 

Nick: Ich würde sagen, nicht selbst entscheiden zu können. Waren jetzt keine drei, aber...

 

Maurice: Das passt aber. Das ist ziemlich gut beschrieben. Ok. Und dir geht es auch nicht gut, wenn du die anderen Kinder mit der Maske siehst. Hast du auch gesagt, richtig?

 

Nick: Ja, also ich finde es irgendwie... es ist einfach nicht... es sieht nicht toll aus und es ist halt einfach nicht normal und erst recht ... was ich am blödesten finde, ist, wenn Erstklässler, die gerade neu in die Schule gekommen sind, dass das das Erste ist, was sie von der Schule sehen. 

 

Maurice: Welches Gefühl löst das denn in dir aus, wenn du die Erstklässler oder auch andere Schüler mit der Maske siehst? Kannst du das mit einem Gefühl beschreiben?

 

Nick: Traurig, würde ich sagen. Mitfühlend oder so. Nachdenklich. Mehr eigentlich nicht.

 

Maurice: Ok. Nick, erzähl mir mal, warum trägst du denn die Maske?

 

Nick: Also ich würde mal sagen ... weil ich glaube, es ist für mich noch blöder, wenn ich die Maske nicht trage, als wenn ich sie trage, weil ich werde, wenn ich sie nicht trage, ständig angesprochen und ich habe halt auch ein bisschen Angst davor, dass die Mitschüler dann die ganze Zeit sagen: „Was hast du denn für ein Problem mit der Maske?“ oder sowas. Ich glaube, das ist einfach kein entspannter Schultag, wenn ich ... ist es mit Maske sowieso nicht, aber so noch... Ich glaube, es ist einfach nicht toll dann der Einzige zu sein, der die Maske nicht trägt.

 

Maurice: Nick, wie fühlst du dich denn, wenn du die Maske wieder abnehmen darfst?

 

Nick: Erleichtert, befreit. Und erst recht, wenn ich gerade Sport hatte oder so, dann ist es am schlimmsten, weil man dann schwitzt und ich fühle mich dann teilweise so, als würde ich gleich umfallen...

 

Maurice: Das bedeutet, ihr müsst im Sportunterricht die Maske tragen?

 

Nick: Nee, im Sportunterricht nicht, aber danach, wenn wir wieder in unseren Klassenraum gehen. Im Sportunterricht ist es sogar so, dass wir nicht mal Abstand halten müssen. Einerseits freue ich mich darüber, dass wir da keinen Abstand halten müssen, aber irgendwie denke ich mir dann auch, warum dann nicht einfach, wenn es im Sportunterricht nicht so ist, die ganze Zeit nicht?

 

Maurice: Da fragt man sich nach dem Sinn dahinter, oder?

 

Nick: Ja.

 

Maurice: Das finde ich schön, dass du dir selber die Frage stellst und dir Gedanken darüber machst. Nick, du hast gerade gesagt, dann fühlst du dich als wenn du umfallen würdest. Irgendwie so hast du es formuliert. Kannst du das noch ein bisschen genauer beschreiben?

 

Nick: Ja, es ist halt einfach so, dass mir nach dem Sportunterricht echt heiß ist und dann fühle ich mich so als würde ich... also ich kann nicht mehr komplett atmen. Also ich kann noch atmen, aber es fühlt sich halt einfach so an als würde ich irgendwas von der Luft nicht mitatmen was wichtig ist. Und es ist einfach so heiß da drunter, dass ich mich darunter so fühle, als bekäme ich gleich einen Schwächeanfall oder sowas.

 

Maurice: Ok. Hast du, seitdem du die Maske trägst, bei dir Symptome beobachten können, wie z.B. Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, ...

 

Nick: Manchmal nach der Pause, weil ich da Fußball spiele und wenn es nicht besonders kalt ist oder so... also da ist mir manchmal mit der Maske noch ziemlich schwindlig. Wie ich eben halt gesagt habe. Als es angefangen hat mit der Maske, war irgendwie plötzlich die halbe Klasse krank. Ich weiß jetzt nicht, ob das daran liegt oder an irgendwas anderem, aber die halbe Klasse war wirklich krank und ich glaube sogar über die Hälfte. Viele hatten Halsschmerzen. Ich weiß nicht an wie vielen Schulen das so ist. Wir müssen ja immer die Fenster offen haben, egal wie warm und wie kalt es ist und daran liegt das glaube ich, dass so viele Halsschmerzen hatten. Ein paar hatten auch Übelkeit und sowas. Und es passiert in letzter Zeit so oft, dass nach einer Pause irgendein Kind nach Hause muss, weil ihm übel ist. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es daran liegt. 

 

Maurice: Hast du auch mit diesen Kindern gesprochen, die das betrifft und hast sie mal gefragt, was sie denken woran das liegt?

 

Nick: Nicht so wirklich, weil sie dann ja direkt nach Hause gehen. Ich bin noch nie dazu gekommen. Aber ich hatte es auch noch nie in den Gedanken. Eigentlich keine schlechte Idee.

 

Maurice: Ja, keine schlechte Idee. Sprich mal mit den Leuten und tauscht euch mal untereinander aus. 

 

Nick: Ich und meine Schwester, wir sind ja die Einzigen in unserer Klasse, die nicht der Meinung sind, dass das gut ist. Vielleicht gibt's noch ein paar andere, die aber nie irgendwas dazu sagen.

 

Maurice: Warum sagen die nichts dazu? Was denkst du?

 

Nick: Ich kann mir vorstellen, dass es Eltern gibt, die davor Angst haben, dass ihr Kind deswegen gemobbt wird oder so, weil es anderer Meinung ist und deswegen sagen vielleicht auch die Eltern, sie sollen das für sich behalten, welche Meinung sie haben. Also so kann ich mir das vorstellen. Aber ich weiß es nicht so richtig.

 

Maurice: Ja, es wird sicher einige geben, bei denen das so ist. Da bist du schon auf einer ganz richtigen Spur. Wie kann ich mir das vorstellen im Klassenunterricht? Ihr lüftet dann ganz oft. Ist es so kalt, dass du die Jacke anziehen musst oder ist das nicht so schlimm?

 

Nick: Manchmal schon, erst recht jetzt im Herbst. Da war es schon ein paar Mal so, dass ich mir eine Jacke angezogen habe.

 

Maurice: Ok. Nick, würdest du die Maske auch tragen, wenn es nicht vorgeschrieben wäre? 

 

Nick: Nein, definitiv nicht. Ich glaube sogar, wenn es nie vorgeschrieben wäre, würde fast keiner mit der Maske rumlaufen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass, wenn man jetzt plötzlich keine Maske mehr tragen muss, dass es dann auch noch viele gibt, die sie doch noch tragen. Aber wäre es nie vorgeschrieben, dann glaube ich, würde sie keiner tragen. 

 

Maurice: Ich denke auch, dass wenn die Maskenpflicht aufgehoben würde, dass viele Menschen weiterhin die Maske tragen würden. Ja. Was denkst du, warum würden viele Menschen weiter die Maske tragen?

 

Nick: Da habe ich keine richtige Idee dazu warum. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele denken, wenn sie sie tragen, dass sie dann ein Vorbild sind oder irgendwie sowas. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, warum man so etwas freiwillig macht.

 

Maurice: Denkst du, dass viele Menschen vielleicht Angst haben vor dem Virus?

 

Nick: Ja, aber ich glaube, es sind weniger als die, die die Maske tragen und nichts Wirkliches dagegen haben. 

 

Maurice: Sag mal Nick, woher bekommst du denn deine Informationen bezüglich Corona? Wie informierst du dich?

 

Nick: Am meisten von meinem Vater, weil meine Eltern sind geschieden und meine Mutter ist da anderer Meinung als mein Vater. Am meisten von meinem Vater. Aber ein bisschen auch so teilweise selber. Aber so ziemlich viel von meinem Vater und so.

 

Maurice: Teilweise selber. Wie kann ich mir das vorstellen?

 

Nick: Naja, so ein bisschen kriege ich halt immer von alleine mit.

 

Maurice: Guckst du dann im Internet oder guckst du Fernsehen? Was machst du da?

 

Nick: Ich gucke kein Fernsehen, außer manchmal Fußball. Und Internet: ein bisschen, ja.

 

Maurice: Super. Du bist 10 und Du guckst selbst im Internet. Das finde ich großartig. Nick, du weißt ja, ich komme aus Dortmund. Jetzt musst du vorsichtig sein bezüglich deiner Äußerungen zu Fußball. 😉 Welche Mannschaft? 

 

Nick: Herta BSC.

 

Maurice: Ah, ok. Ja, ist in Ordnung. 🙂 Nick, würdest du zur Zeit lieber zu Hause bleiben und Homeschooling in Anspruch nehmen oder weiterhin lieber zur Schule gehen?

 

Nick: Schwierig, aber ich würde sogar sagen, ich würde lieber zur Schule gehen, weil dieses Homeschooling fand ich echt nicht toll, weil für mich war es jetzt echt nicht leicht, immer selber zu gucken, wieviel ich am Tag machen muss, um am Ende diesen Wochenplan fertig zu haben. 

 

Maurice: Ja, das ist ganz vielen Kindern schwergefallen, weil man ja in der Schule sozusagen alles vorgegeben bekommt und zu Hause wird man dann ins kalte Wasser geworfen und dann bist du auf einmal auf dich selbst gestellt und musst alles selbständig regeln und planen und das ist, wenn man das noch nie gemacht hat, gar nicht so einfach.

 

Nick: Ja, erst recht, weil man ja nicht wirklich darauf eingestellt worden ist. Das kam ja von... ich weiß noch genau, an dem Tag, da war es schon ... Wir haben es schon vermutet, dass es innerhalb von ein paar Tagen so sein wird, dass die Schule geschlossen wird und wir Homeschooling machen müssen. Aber es wurde einem nie beigebracht wie man das macht. 

 

Maurice: Ganz genau. Ja. Welche Meinung deine Eltern zu Corona haben, können wir uns ja ungefähr vorstellen. Nick, hast du einen Wunsch? Gibt es etwas was du dir wünschst? Vielleicht in Bezug auf Corona, aber vielleicht auch einen allgemeinen Wunsch für die Zukunft?

 

Nick: Dass jeder über sich selber entscheiden darf, würde ich sagen.

 

Maurice: Wow. Das finde ich sehr schön. Ja lieber Nick, ich danke dir von Herzen für das tolle Interview. Ich fand das wirklich sehr inspirierend. Für mich bist du ein Vorbild mit deinen 10 Jahren. Ich finde das wirklich toll, wie du mit anderen mitfühlst, also deine Empathie und die Gedanken, die du dir machst, das finde ich wirklich große Klasse. Also, vielen, vielen Dank und alles Gute dir.

 

Nick: Dankeschön. Ihnen auch.