In Deutschland

 

Und auf einmal war da eine Pandemie. Sie sagten, wir müssen Abstand halten, die Hygieneregeln einhalten, Masken tragen. Nur zwei Wochen, bis die Kurve abgeflacht ist. Um die Vulnerablen zu schützen. Menschen wie mich. Ich kann keine Maske tragen, ich ersticke darunter.

Das war vor zwei Jahren. Die Menschen tragen noch immer Masken. „Maske!“, brüllt mich der korpulente Mann im Bus an. Ich kann ihn nur undeutlich hinter seiner FFP2-Maske verstehen, seine Augen funkeln böse hinter den beschlagenen Brillengläsern. Eine Frau mir gegenüber macht Zeichen mit der Hand und betrachtet mich ebenso böse. Ich weiß nicht, was sie von mir will und lese weiter. Da setzt sie sich ganz nach hinten. Eine andere läuft nach vorne zum Busfahrer und verlangt, dass ich aus dem Bus geworfen werde, das sei ihr zu gefährlich mit mir. Wie soll ich denn in die Schule kommen?

„Wo ist die Maske?“, fährt mich der Polizist im Hauptbahnhof an und reißt mich am Griff meines Rucksacks zurück. „Maske!“, dröhnt der eine Typ aus der 11., bevor er mir auf den Fuß tritt und mich – ganz aus Versehen – anrempelt.

„Wir müssen uns schützen!“, sagt der Lateinlehrer und reißt alle Fenster auf. Wir haben 90 Minuten Unterricht bei ihm. Es ist Dezember und auch tagsüber nicht wärmer als 2°- C. Mir klappern die Zähne. Der Tee ist alle und meine Wärmekissen aufgebraucht. Mit Handschuhen kann ich so schlecht schreiben. Jetzt bin ich erkältet. Latein war mal eines meiner Lieblingsfächer.

Black Lives Matter ist eine ganz wichtige Bewegung. Wir müssen Flagge zeigen und uns für die arme schwarze Bevölkerung in Amerika einsetzen.“ – Sie bewerfen mich mit Papierkügelchen in der Pause wenn der Lehrer nicht hinsieht. Im Sport ist es noch schlimmer. Da haben sie größere Bälle, die mehr wehtun. „Zieh doch einfach eine Maske an! Mit dir wollen wir nichts zusammen machen, du bist eine Gefahr für uns und unsere Großeltern.“ – „Wenn du nicht zu Hause bleibt, dann bleibe ich zu Hause und du bist schuld, wenn meine Schulkarriere den Bach runter geht.“ – „Mörderin!“ Sie spucken mir vor die Füße. In der Pause beraten sie darüber, wie sie mich anzeigen könnten.

Ich darf nicht mit ins Theater gehen, nur Leute mit Maske. Ich bekomme Aufgaben stattdessen. Ich soll ein ganzes Buch auf Englisch lesen und viele, viele Aufgaben dazu erledigen. Die Schulleiterin ist mir böse, weil ich die Aufgaben für diesen Tag mit nach Hause nehmen möchte. Sie sagt, ich solle ihr aus den Augen gehen, ich mit meinen Extrawürsten. Seither sieht sie mich nicht mehr an.

„Wir müssen mit der Klassenleiterin reden!“, sagen sie. „Das geht nicht, dass die am Fenster sitzt und blockiert, dass wir es aufmachen.“ Jetzt sitze ich woanders. Ich kann mich nicht einmal mehr hinter der Scheibe vor der kalten Luft schützen. Vor mir sitzen zwei Jungs, die ständig quatschen. Ich verstehe nichts mehr. Aber ich bin die Störende, wenn ich mich beschwere. Bei Gruppenarbeiten will keiner mehr mit mir arbeiten.

Da sitzen sie hinter ihren Masken, mit leeren Augen, mit gereizten Stimmen. Außer, wenn sie sich für gender aspects oder Black lives matter oder Fridays for future einsetzen. Dann erklingt etwas wie ein Gefühl in ihren Worten.

Es ist kalt geworden. In Deutschland.

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